Eine Kulturreise nach Frankreich

Die Kompassnadel zeigt zitternd auf Kurs West-Nord-West, Chartres war unser Ziel. Nach einer hektischen Zeit ein paar ruhige Tage einschieben, so hatten wir es im Frühling gemeinsam vereinbart. Dazu dienen sollte die kühle Stille der Kathedrale von Chartres.

Aber noch waren wir nicht so weit. Durch den Jura fanden wir auf das französische Autobahnnetz. Aus den hiesigen Hitzetagen sausten wir direkt einer Gewitterfont entgegen. Bald hatten die sintflutartigen Regenfälle die Autobahn in einen reissenden Fluss verwandelt. Bei einem Picknickplatz warteten wir geduldig, bis der Sturm etwas abklang. Anstatt der erhofften Kühle bescherte uns der Regen ein Waschküchenklima. Die beschlagenen Autofenster liessen Erinnerungen an einsame Waldparkplätze aufkommen, aber ausser Sandwich essen, fiel nichts Wesentliches vor.
Zusammen mit einigen tausend anderen Automobilisten hatten wir uns zur Stosszeit im engen Städtchen Charters eingefunden. Der Platz, über den meine wunderbar ausgeklügelte Reiseroute direkt hätte zum Hotel führen sollen, wurde gerade umgebaut. Sie blieb der geplagten Frau mit den roten Hosenträgern ein weiterer Umweg nicht erspart.

Immerhin reichte es noch für einen kurzen ersten Besuch in der Kathedrale. Nach etwas Chinafood und ein paar Drinks gab Frau Bernasconi endlich auf und wir sanken bis auf weiteres in die weichen Betten.
Der Donnerstag war ganz der prächtigen Kathedrale von Chartres gewidmet. Eine ausführliche Besichtigung, auch der mystischen Krypta, wechselte mit ruhigen Stunden. Einfach sitzen bleiben und den Raum auf sich wirken lassen. Die gotischen Bögen zogen den Geist hinauf, hinauf zu den einmaligen Kirchenfenstern, den prächtigen Rosetten. Im Chor wurde eine Messe gelesen, der Gesang hallte lange nach. Sogar Frau Bernasconi hat es geschafft für einmal ruhig zu sitzen ...
Doch auch weltliche Genüsse sollten nicht zu kurz kommen, am Abend setzten wir uns zu einem feinen Essen an den Tisch und genossen unseren Abend. Ein letzter Bummel führte uns nochmals zur Kathedrale. Dort nahm gerade ein Orgelkonzert sein Ende. Zum Aufbrausen der Schlussakkorde verabschiedeten wir uns von diesem Ort der Kraft.
Da Reisepläne sowieso nur Wunschdenken sind, wenn die Frau meiner Träume am Steuer sitzt, bauten wir die Reise kurzerhand um. Anstatt der gemütlichen Rückfahrt über Land wollten wir jetzt unbedingt auch die Kathedrale von Reims besichtigen. Wenn Kultur, dann Kultur. Unser braves Auto hatte nichts dagegen und quälte sich durch den Dauerstau auf der Umfahrung von Paris. Beinahe wären wir bis nach Reims gekommen, beinahe nur. Wäre da nicht ein verlockendes Plakat an der Autobahn gestanden: Disneyland 18 km, lachte uns schelmisch Mickey entgegen.

Dann standen wir wieder in der Main Street America, umringt von Goofy und Donald und ihren Freunden. Wir bummelten durch Fantasieland, streiften durch Frontierland, ruckelten im Bähnli rund um das Reich der Kinderträume. Wir erinnerten uns an unsere Floridareise, die uns so viel bedeutet, und freuten uns mit den Kindern, die hier wie in den USA aus dem Häuschen waren, wenn sie ihren Lieblingen begegneten. Trotz dem identischen Konzept hüben wie drüben fielen einige Unterschiede auf. Ich glaube, am meisten erstaunten uns die unterschiedliche Haltung der Erwachsenen und Teenager. In den USA war uns aufgefallen, wie sich jede Altersgruppe gleichermassen angesprochen fühlte und in die bunten Kinderwelten eintauchen konnte. Im Eurodisney schien dies den Kiddies vorbehalten zu sein. Und dann das Anstehen, liebe Leute, das war in Florida dann schon wesentlich angenehmer und disziplinierter - aber vielleicht sind die Europäer ganz einfach wilder und temperamentvoller ...
Die grosse Disney-Parade versöhnte mit allen Ungereimtheiten, die fröhliche Welt der Fantasiefiguren zog an jung und alt vorbei. Wer könnte sich schon der ansteckenden Fröhlichkeit der Musik und der lustigen Figuren entziehen?
Schlussendlich trafen wir dennoch nach Reims ein, der Stadt des Champagners. Doch wir waren zu müde, um noch zu sprudeln. Auf schweren Beinen unternahmen wir einen kurzen Rundgang. Wir waren überrascht von der eleganten Innenstadt, sogar mit Fussgängerzone. Aber schon bald zog es uns zurück ins supermoderne Hotel, nach einem letzen Absacker in der futuristischen Hotelbar zogen wir uns in unsere Gemächer zurück.
Nach ein paar schönen Tagen fällt die Rückreise nicht leicht. Ein ausgedehnter Besuch in der Kathedrale von Reims zögerte die Abfahrt noch etwas hinaus, doch dann führte uns die Autobahn wieder zurück an de Schweizer Grenze. Zuhause angekommen erinnerte nur noch ein wildes Picknick mit allerhand französischen Leckereien an die vier ruhigen Tage mit Rosmarie.


2002 Südtirol
2002 Scuol
2003 Florida
2003 Innsbruck
2003 Velden/Kärten
2003 Wörthersee
2004 Paris
2004 Lauchernalp
2004 Florenz
2004 Tarotgarten
2004 Elba
2005 Hamburg
2005 Chartres
2005 Rügen
2006 Zell am See
2006 Venedig
2007 Hamburg
2007 Südtirol
2007 Rostock