Prag - Jüdisches Viertel und Goldenes Gässchen

4. 10. 2017

Heute morgen früh wären wir beinahe auf die Karlsbrücke gepilgert, wegen weniger Leute und Morgenlicht und so. Der Wunsch war willig, doch die Kissen zu schwer. Und so holte nur der muntere und dennoch leicht vorwurfsvolle Ruf von Herrn Maibach «Frühstück ist gleich vorbei!» Frau Bernasconi aus den Federn und in die Gänge. Nachdem wir die halbe Nacht herumgetigert sind, hatte ich eher das Bedürfnis nach Kissen, als auf das schöne Licht. Auch im oberen Stock hat wohl jemand den «Vor-Vollmond» gespürt und ist die halbe Nacht durch die Räume gewandert … Prag ist eine pulsierende Stadt und ich erinnere mich an Jerusalem vor vielen Jahren, die eine ähnliche Energie zu haben scheint. Weisst du noch Silvana, wie wir wie die verrückten durch Jerusalem gepilgert sind!

 

Noch geisterten zwei drei Einkäufe im Goldenen Gässchen im Kopf herum. Also, dawai, dawai, hoch zur Burg. Die Tickets sollten ja zwei Tage gültig sein und der frühe Wurm wird vom Vogel gefressen. Doch als wir keuchend auf dem Burgplatz eintrafen, liess uns die unendlich lange Warteschlange beim Gepäckcheck zurückzucken. Wir versuchten es beim zweiten Eingang – auch nicht besser.

 

Wir fuhren unverrichteter Dinge weiter und suchten uns den Weg ins jüdische Prag. Das jüdische Museum www.jewishmuseum.cz erzählt an sieben Standorten im ganzen Quartier verteilt, Elemente zur Geschichte der jüdischen Leben in Prag. So besuchten wir die Spanische Synagoge, die Pinkas Synagoge, welche in ergreifend schlichter Anmut an die Opfer der Shoah erinnert, den alten Friedhof, die Klausen Synagoge, die Zeremonien-Halle und die Maisel Synagoge. Die Altneusynagoge blieb uns leider verschlossen, ein Besuch in der ältesten erhaltenen Synagoge werden wir aber sicher nachholen. Aber auch so erlebten wir unzählige Zeitsprünge, zurück ins alte Prag, in den zweiten Weltkrieg, und dessen Grausamkeiten. Zu denken gibt uns, dass das Gedankengut aus dieser Zeit wieder salonfähig zu werden scheint.  Eindrückliche und intensive Momente, ein Einblick in die Vergänglichkeit, der wohl nirgends besser zum Ausdruck kommt als im Friedhof mit seinen schiefen oder versunkenen Grabsteinen.

 

Ein Tredlnik – dieses Mal natur – und ein starker Kaffee holten uns wieder zurück zu den Lebenden. Die Uhr ging schon gegen drei und wir wagten einen zweiten Shoppingversuch im Goldenen Gässchen. Unsere Hauslinie, die 22, brachte uns hoch zu den königlichen Gärten. Wir genossen den ausgedehnten Bummel durch die schöne Anlage bis zurück zum Dom. Und siehe da, die Menschenmassen hatten sich gelichtet und es war schon fast ein Vergnügen, bei so wenigen Wartenden anzustehen. Der Ticketkontrolleur beim Goldenen Gässchen drückte ein Auge zu, als er Frau Bernasconis Shoppingglitzern in den Augen erkannte; er liess sie durchschlüpfen. Denn die Tickets war zwar wohl zwei Tage gültig, aber nur für einen Besuch. Irgendwie schien Herr Maibach wie erleichtert, so elegant am Einkaufen vorbei zu kommen. Erst recht, als er vernahm, dass die «Kafka-Buchhandlung» bereits geschlossen war.

 

Frau Bernasconi schoss ziellos noch ein paar letzte Abschiedsfotos, so ziellos war es denn doch nicht, doch das Licht war einmalig und die vielen Menschen verleiteten mich immer wieder auf den Auslöser zur drücken, bevor es im Hotel zurück ans Packen ging für die nächste Etappe: Morgen geht es weiter nach Wien.

 

Nun gehen wir noch etwas Essen «jagen» - nach der behüteten Zeit auf dem Schiff und mit Bibiana sind wir nun wieder selber zuständig für Food – und wir wünschen uns einfach einen grossen, riesigen Salat – mal sehen wo wir in Prag fündig werden!

 

Ganz in der Nähe von Hotel haben wir ein feines Restaurant gefunden – ganz ohne Fleisch und Knödel – wir stiegen nach oben, uns kam es vor wie wenn wir im Münsterturm die Treppen hochsteigen würden. Glücklicherweise war nach vier Stockwerken Schluss und wir befanden uns in einem herzigen, schönen Restaurant. www.vegansprague.cz. Das Essen war sehr fein.  Nach dem Abendessen drehten wir noch eine letzte Runde durch Prag, wieder durch die Touristenströme, bevor wir dann ein letztes Mal die Tramlinie 22 bestiegen und ein letztes Mal noch bei der Burg vorbei ins warme Hotelzimmer marschierten.