Wien - Zuhause am Schottenring

Gestern in Prag

Fast, es hing an einem Haar, hätten wir noch früh morgens auf die Karlsbrücke gewollt, wegen weniger Leuten und gutem Licht und so. Doch dann regnete es gottseidank und Frau Bernasconi schlief so herzig, dass selbst der hartnäckigste Wecker schmolz und Herr Maibach sich einer ausgiebigen Zeitungslektüre widmete. Für einmal habe ich tatsächlich aufs Frühaufstehen verzichtet!

 

Der Regen erleichterte uns den Abschied von Prag. Ein kurzer Schreckensmoment im Railjet nach Wien: Im gut ausgelasteten Zug nach Wien waren unsere reservierten Plätze doppelt belegt! Nicht schon wieder! Steht uns bei, Bibiana und Thomas! Doch eine ebenso freundliche wie resolute Passagierin organisierte kurzerhand den Wagen um, scheuchte ihr Gegenüber auf einen anderen Platz und so konnten wir doch noch entspannt die vier Sunden zusammen reisen. Ich für mich persönlich wäre eigentlich mit Bahntrouble vorderhand bedient.

 

Woran wir erkennen, dass wir wieder einmal mehr in Wien sind? Wir können die Strassenschilder lesen, wir können die U-Bahnstationen lesen und sie machen Sinn und wir finden unseren Weg. Und – auch wenn die Wiener klagen – die Touristendichte ist nur etwa die Hälfte von Prag. Jedenfalls ist es wieder schön hier in Wien zu sein.

 

6.10.2017

Am Schottenring 33 standen wir – eine Woche später – vor unserem Appartementeingang. Wir hatten ihn bereits beim Wienerstopp der Schiffsreise ausgekundschaftet. Die Gastgeber, Barbara und Alfred, zeigten uns voller Begeisterung ihr Kleinod am Schottenring. Nach all den Tipps von Barbara Krammer müssten wir mindestens zwei Monate hierbleiben. Ich liebe Frauen, die mit einer solchen Begeisterung von ihrer Stadt erzählen.  Wir leben für ein paar Tage in der Beletage, mit Blick auf den quirligen Schottenring. Das schöne Appartement ist mit allem ausgerüstet, was das Herz begehrt. Eine voll funktionale Küche entbindet uns vom Restaurantbesuch, zum Frühstück trödeln wir um die Kaffeetassen herum. Eine ebenso effizientes wie unsichtbares Housekeeping kümmert sich um alles, sogar um die Wäsche.  «Fast kommt so etwas wie Ferienstimmung auf», murmelte Herr Maibach. Und er klopfte dazu auf Holz. Was sich Frau Bernasconi allerdings nicht erklären konnte.

Als es keine Ausrede mehr gab, herumzuhängen, zogen wir zu Fielmann, die neue Brille abholen. Kurz vor der Abreise erhielt ich endlich das definitive Brillenrezept und beim erwähnten Zwischenstopp hatten wir an der Mariahilf die Brille ausgelesen. Auf dem Weg zum Nespressoshop sammelten Jungs für den Stephansdom, da konnte ich nicht wiederstehen und für die Spende durfte ich dafür ein Foto machen! Weiter gings zur Touristinfo, um Tickets für den Sonntag zu holen.

 

Und dann wollten wir eigentlich noch einkaufen, um im Appartement nicht verhungern zu müssen. Doch in einer Seitengasse sahen wir angeschrieben: «Literaturmuseum» Grillparzerhaus. Dem konnten wir natürlich nicht widerstehen, nichts wie hin. Dort erfuhren wir, dass wir Senioren seien und sparten uns drei Euro Eintritt. Auf drei Stockwerken des ehemaligen Staatsarchives war in einem Drittel der ehemaligen Regale eine moderne, spannende Ausstellung aufgebaut. Die übrigen Regale wurden ausgelichtet, um ein Durchkommen überhaupt zu ermöglichen. Die Originalaktendeckel aus Kaisers Zeiten blieben dem Literaturmuseum erhalten, es entsteht eine eindrückliche Atmosphäre aus Archiv, Literatur und moderner Ausstellungstecnik.

Die Sonderausstellung «Im Rausch des Schreibens – Von Musil bis Bachmann widmet sich dem Thema: Was macht das Scheiben zu einem rauschhaften Ereignis? Was sind die Treibstoffe der Literatur? Ein Zitat aus der Ausstellung über Literatur zwischen Exzess und Askese: «Sechzig Zigaretten später war der Held wieder in Wien.»

Zwei weitere, grossflächige Stockwerke widmeten sich den Themen «Von der Aufklärung bis zum Ersten Weltkrieg» und «Von 1918 bis zur Gegenwart». Fehlen durfte natürlich der Bezug zu Prag nicht, Kafka und auch Schwejk schienen uns nachgereist zu sein. Wie in Trance schritten wir durch langen Gänge, lasen uns dort in Fragmente ein, besichtigten Grillparzers Arbeitsraum, erinnerten uns an Nestroy, dachten an die schwierigen der der Verfolgung und des Exils der Kreativen. Dieses Museum existiert erst seit rund 2 Jahren, für uns war es eine Entdeckung.

 

Endlich konnten wir uns losreissen. Mit vollem Kopf suchten wir das nächstgelegene Kaffeehaus, liessen uns mit Kaffee und Strudel eindecken und begannen über die Bücherwelten zu diskutieren. Doch, oh je, leider war es ein Raucherkaffee. Damit hatten wir nun wirklich nicht gerechnet! Unser Tischnachbar steckte sich eine Zigi an – und wir flüchteten an die frische Luft. Die Serviererin bot uns zwar einen Platz draussen an. Sie sagte: «Es hat Decken, draussen.» Nächstes Mal werden wir das besser abklären müssen! Wir waren einfach überrascht. He nu, so kamen wir immerhin noch zum Einkaufen und jetzt verbarrikadieren wir uns in unserem Puppenhaus.

Apropos: In den riesenhohen Raum wurde eine Galerie eingezogen, dort liegt das Schlafzimmer, in luftiger Höhe, erreichbar über eine steile Treppe. Wir arbeiten an Bestzeiten für den nächtlichen Toilettenbesuch.