Dordrecht und Mühlen

Heute um zehn Uhr dreissig ging unser Bus. Nichts Besonderes? Für uns schon, denn wir hatten uns für den Waterbus nach Dordrecht entschieden. Es ist ganz einfach eine Kombination zwischen Bus und Schifflifahren. Sanfter als das Wassertaxi aber doch recht schnell war der Wasser-Bus unterwegs zur historischen Stadt. Zuerst hatten wir allerdings eher den Eindruck, uns nach Chinatown verirrt zu haben. Das ganze Schiff war voller Asiatinnen und Asiaten. Gute eine Stunde lang war der Katamaran unterwegs, als sich in Kinderdijk das Schiff bis auf ein paar wenige Fahrgäste leerte. Das Weltkulturerbe mit den unzähligen Windmühlen wirkte wie magnetisch. Wir waren etwas überheblich und fanden, dass wir uns dieser Magie entziehen könnten und so blieben wir an Board und fuhren nach Dordrecht weiter.

 

Wir gingen es gemächlicher an, bummelten durch das historische Zentrum von Dordrecht, bewunderten die schmucken Schiffe und die Backsteinhäuser. Nach Delftshaven und Schiedam war dies nun die dritte Altstadt. Jede hat ihre besondere Ausprägung und einen eigenen Groove. Hier zum Beispiel, als wir die Grote Kerk besichtigen wollten, erfuhren wir, der Eintritt sei frei. «Sehr gut, vielen Dank». Aber dann gäbe es eben noch diesen Prospekt zur Unterstützung, erkläre die resolute Dame am Schalter, der koste einen Euro. «Ja klar, kein Problem, hier haben Sie zwei Euro.» Nein, nein, Mijnher, Sie verstehen mich nicht – ein Euro reicht. «OK». Dafür fanden wir dann noch saubere Toiletten im Seitenschiff und als generell "ausgeplünderte" Touristen staunten ob der heilen Welt. Eines haben alle Städte gleich– das Kopfsteinpflaster. Diese Pflästerung geht in die Beine.

 

Wir spazierten über den Markt. Reiche Gemüsestände wechselten mit üppigen Käseständen. Gerade noch konnte Frau Bernasconi von grösseren Einkäufen zurückgehalten werden, denn wer hätte dann wohl den Käse an den Bahnhof gerollt?

 

Und irgendwie fanden wir eben doch, dass wir die Windmühlen sehen müssten und wir wussten, dass ein Bus nach Kinderdijk fahren würde.

 

Nach etlichem Suchen und Durchfragen sassen wir im Bus 93 nach Kinderdijk. Zusammen mit Jugendlichen auf dem Heimweg aus der Schule rollten wir über Land, gaben es bald einmal auf, Kühe und Kanäle zählen zu wollen. Es war sehr entspannend. 

 

Bei den Windmühlen angekommen – über dreissig an der Zahl – führte uns ein herziges Tuckerböötchen in die Kanäle hinein. Wir konnten die Touristenhorden hinter uns lassen, der Kapitän führte uns durch das Schilf, immer den Windmühlen nach.

 

Weltkulturerbe hin oder her, eine Cash-cow ist es allemal. Hier ein paar Euro, dort ein Eintritt, da noch einen Obolus – die Windmühlen könnten bestimmt vergoldet werden … Und doch – ein Besuch lohnt sich auf jedenfalls, Cash-cow hin oder her, denn es ist wirklich ein magischer Ort.

 

Als die charmante Frau Bernasconi den etwas wackeligen Schifflikapitän daran erinnerte, dass sie eigentlich gerne noch den 16:03 Waterbus zurück nach  Rotterdam erreichen würde, gab er, verzaubert von ihren blauen Augen, Vollgas und schoss nur so an den Anleger. So sassen wir bald einmal wieder im Schiffbus zurück zur Erasmusbrücke, einen Steinwurf vom Hotel entfernt.

 

Übrigens die Schifflikapitäne erinnerten mich an die Matteliftsboys, denn die Seebären sind ebenfalls alle pensioniert.

 

Nach einer kurzen Ruhephase nahmen wir das Abendprogramm in Angriff. D.h. wir gingen wieder zum Chinesen am Kruisplein. Eigentlich wollten wir ja zum Italiener, aber der ist wohl über Nacht verschwunden. Nach dem leckeren Essen beim Chinesen marschierten wir via  Witte de Withstraat durch das pulsierende Nachtleben von Rotterdam zurück zum Hotel.