Sonntag in Bolsena – 18.9.2016

Nach dem Besuch gestern im Tatortgarten (Déformation criminelle, zgüsé) Tarotgarten wäre heute ausschlafen ein Thema gewesen. Doch genau um 06:07 krähte der erste Hahn. Ich versuchte, mich zu erinnern, wann ich zum letzten Mal so geweckt worden war. Hahn hin oder Güggel her, heute war Sonntag und so drehte ich mich noch einmal gemütlich um. Doch dann war definitiv Tagwach, denn es musste fix gehen, um zehn würde das Zimmermädchen wieder an die Tür poltern. Wir haben es knapp vor ihr geschafft aus dem Haus zu gehen.


Achtung - fertig – Frühstück und schon spazierten wir dem Rebberg entlang hinunter nach Bolsena. Wir streiften durch die engen Gässchen des Ortes, bestaunten Dorfläden mit einem unendlichen Sortiment auf engstem Raum. Die Basilika Di Santa Cristina hatten wir bereits am ersten Abend besucht und wahrscheinlich eine Handvoll Nonnen bei ihrer Andacht gestört.

 

Ein Platzregen trieb Frau Bernasconi unter die Pelerine, die Einheimischen gaben kurz die Bänke frei, auf denen sie sich das sonntägliche Treiben ansahen. Dann blies der Wind die Regenwolken vor sich her und wir standen in der heissen Sonne. Rosmarie schlüpfte aus der Plastikhaut, gerade noch rechtzeitig, bevor sie gegart wurde.


Wir stolperten von einer malerischen Ecke zur anderen, von einem Postkartenmotiv zum nächsten. Ich dankte leise dem Erfinder der Chipkarte – wer erinnert sich noch die Berge von Rollfilmen, die wir seinerzeit aus den Ferien heimschleppten?


Beim Brunnen auf der Piazza S. Rocco folgten wir dem Wegweiser zum Castello. Die Treppe begann recht manierlich. Der Weg ins mittelalterliche Quartier schien nur auf uns zu warten. Doch ein wenig widerspenstig gab sich der Aufstieg schon, es wurde immer steiler und die Pflästerung immer abenteuerlicher. Doch schliesslich war das ein Abschnitt auf der Via Francigena, dem Pilgerweg von Canterbury nach Rom, auf dem wir zu Hause auch schon ein paar Kilometer gewandert waren. Frau Bernasconi hielt sich tapfer, ja kletterte am Schluss sogar noch auf den Turm der Burg hoch. Die Plackerei lohnte sich, der Ausblick reichte weit über die Hügel und den Bolsena See. In der Ferne glaubten wir Pitigliano zu erkennen, wo wir gestern einen Fotohalt eingelegt hatten. Die Aussicht war wirklich traumhaft und der Finger vom Auslöser wollte einfach nicht wieder weg.


Wir erkundeten das malerische mittelalterliche Quartier. Wir waren überrascht, dass hier oben, genauso wie offenbar in ganz Bolsena zahlreiche Wohnungen und Liegenschaften zum Verkauf ausgeschildert waren. Änderungen scheinen sich anzukünden. Wir warfen einen Blick in die Töpferwerkstatt, in der kunstvolle Blumentöpfe – mit Gesicht und Augenzwinkern an Beatrice – kreiert wurden.

Für den Weg hinunter vom Hügel wählten wir die bequemere Strasse, zwar immer noch steil genug, aber immerhin asphaltiert statt gepflastert. Der Wind trieb Wolken vorbei, kurze Regengüsse wechselten mit grellem Sonnenschein. Frau Bernasconi kam fast nicht mehr nach mit allen Redli und Knöpfli an ihrer Kamera zu, die es optimal einzustellen galt.

Ein Abstecher zum See machte uns glauben, wir wären am Meer. Der kräftige Wind, der inzwischen aufkam, liess die Wellen an den Kiesstrand schlagen. Zu einem feinen Kaffee – auf knallblauen Motta-Plastikstühlen reichte es trotzdem. Es war fast wie in Norddeutschland: Ein Kiosk hatte angeschrieben «Allgemeen Süddeutsche». An der Interpretation feilen wir immer noch, ebenso am Schild an einer Umkleidekabine, das aufforderte: «Unterwäsche nicht versuchen».

Nach so viel körperlicher und geistiger Anstrengung kletterten wir wieder zurück in unsere Le Vigne. Seither jagten wir irre durch Haus und Garten, um das Wifi-Signal zu fangen, eine Art Pokemon für Erwachsene. Wahrscheinlich denken die Hiesigen, dass wir wirklich Ferien nötig haben. Kurz: Im Zimmer geht es nicht, auf der Terrasse ein wenig und im Garten ist das Wifi perfekt. Und wenn wir zu kalt haben dann nehmen wir den Hotspot von Swisscom ... irgendwie sind wir halt wirklich Internetjunkies ... und dick eingepackt schaffen wir es auf der Terrasse, jeweils den  Bericht hochzuladen.


Inzwischen haben in Bolsena unten die Hunde den Hahn abgelöst und bellen den Sonnenuntergang herbei. Die Wolken haben sich verzogen und der Bolsenasee leuchtet silbern.