Wien 2014 - Sonne und Regen

Wien - 29. August 2014, Stephansplatz

An der Ladentüre im Buchladen Einfach Lesen in Bern steht: Kurze Auszeit bis und mit 5. September …
Tja und die kurze Auszeit verbringen wir bis Dienstagabend in einer weiteren Lieblingsstadt von uns, nämlich Wien. Ist Hamburg, die Stadt, die Peter und ich gemeinsam entdeckt haben, bleibt Wien die Stadt, welche ich schon als junges Mädchen besucht habe. Damals … lange ists her und so ist die Reise nach Wien auch einen Teil meiner Vergangenheit, meiner Erinnerungen und ein Teil meines Lebens. Doch nun der Reihe nach …
Wien, Prater, Riesenrad
So fuhren wir mit dem Nachtzug am Donnerstagabend von Bern nach Wien – gemütlich und ohne Hektik. Und so kamen wir den ausgeruht, mehr oder weniger, heute Morgen in Wien Westbahnhof an. Ein herrlicher Tag erwartete uns. Haben wir uns schon an den Regen, an das kalte Wetter gewöhnt, waren wir nun sehr überrascht, dass wir hier in Wien so etwas wie Sommer antrafen. Überrascht, dass wir einen Tag bei strahlendem Sonnenschein verbringen durften. Und wie immer wenn Bernasconi und Maibach eine Reise tun dann gibt es einiges zu erzählen.
Nun standen wir also mit Sack und Pack am Wiener Westbahnhof … und wie immer das gleiche Ritual. Zuerst stehen wir etwas verloren herum, orientieren uns wo wir sind und nach kurzer Zeit nehmen wir die Stadt in unseren Besitz. Mit dem Ticket der ÖV im Sack wissen wir auch schon in welche Richtung wir ins Hotel kommen.

Einchecken morgens um halb neun, d.h. Gepäck abgeben Ticket in Empfang nehmen und dann auf dem schnellsten Weg in eines der feinen Wienercafés und uns mit einem leckeren Kaffee und einem feinen Marillengipfel stärken. Der erste Tag ist meist ein strenger Tag, weil wir so viel auf ein Mal in Angriff nehmen wollen.

Wir können es tatsächlich nicht gemütlich angehen, obwohl wir doch schon so viele Sehenswürdigkeiten von Wien kennen. Unser Hotel liegt am Stephansplatz, so dass unser zweiter Besuch dem Stephansdom galt – Kerzli anzünden gehört für mich dazu. Einen Moment inne halten – und die Bilder der Vergangenheit werden wach – damals, früher – als ich mit meinem Vater als junge Erwachsene in Wien war – besuchte er jeden Morgen den Stephansdom, während wir nicht aus den Federn kamen.

Peter und ich fuhren mit dem Lift auf den Turm – es war kurz nach neun – ruhig war es noch und wir hatten jede Menge Platz und konnten uns in aller Ruhe  umsehen – ein herrlicher Ausblick erwartete uns.

Wien, Stephansdom
Wien, Stephansdom

Wir fuhren mit der Strassenbahn zum Prater und marschierten durch den herrlichen Park – ich bin immer wieder überrascht wie eine Stadt es schafft soviel Grünflächen zu bewahren. Manchmal hatte ich den Eindruck im Hydepark oder im Central Park zu sein – wir genossen es durch die Grünflächen zu bummeln. Tja – und dann standen wir eben vor dem Riesenrad und aufs Riesenrad muss ich bei jedem Besuch egal wie wann und wo auch immer. Auch hier kamen die Erinnerungen wieder – vor fünf Jahren war ich mit einer Gruppe von behinderten Menschen im Hotel Praterstern ganz in der Nähe des Praters – es war damals eine strenge und humorvolle Zeit – wir haben wir gelacht. Und heute erinnern sich Peter und ich an die lustigen Momente, an die Momente, die uns wirklich wichtig waren.

So spazierten wir durch den Prater – bestaunten das Riesenrad, die alte „Putschiautobahn“ aber auch die modernen Anlagen auf die ich nie gehen würde, weil ich bestimmt vor Angst in die Hosen machen würde, oder ein Herzchriesi produzieren würde – dass überlasse ich lieber den Jungen!

Nach einem gemütlichen Bummel Richtung Stephansdom und bei herrlichem Sonnenschein, ich muss es tatschlich nochmals erwähnen, bezogen wir unseren Adlerhorst weit über den Dächern von Wien – genau vis-à-vis vom Stephansdom.

Und heute Abend zog es uns noch zu einem Konzert in den Stephansdom – und jetzt sind wir fix und foxi – und werden morgen vielleicht einem etwas ruhigeren Programm in Angriff nehmen. Marie-Luise und Wolfgang, in der Schweiz lebende Wiener, haben uns eine Liste mit Tipps mit gegeben wo und was wir alles noch besichtigen können. Ich denke, dass mit einem ruhigen Tag ist wohl eher eine Illusion.
Ich mag Wien – auch wenn Hamburg nach wie vor meine Lieblingsstadt ist – komme ich gerne immer wieder nach Wien zurück.

Von Museen bis zum Fasslwirt, 30. 8.2014

Tja schon viel wurde diesen Sommer über das Wetter diskutiert – über einen Sommer der keiner war. Dies ist auch in Wien nicht anders … Heute morgen etwa um sechs Uhr schien die Sonne in unseren Adlerhorst – wir freuten uns auf einen weiteren sonnigen Sommertag – Ich drehte mich nochmals um, denn wer will schon um sechs aufstehen? Ich nicht, jedenfalls hörte ich zwei Stunden später, wie der Regen auf das Dach trommelte …  Also nichts mit einem weiteren sonnigen Sommertag – draussen auf dem Stephansplatz sahen wir schon die ersten Touristen mit Regenschirmen herum spazieren. Ok – also nochmals auf die andere Seite drehen und nochmals eine Runde schlafen …

Wien, Museumsviertel

Als wir dann so gegen halb zehn am Frühstückstisch mit Blick auf den Stephansdom sassen, war der Platz rund um den Dom bereits voll von Touristen – alle mit Schirm oder Regenjacken unterwegs. So würde es also einen Museumstag oder einen Lädelitag geben – wir entschieden uns für den Museumstag. Wir marschierten an der Spanischen Reitschule vorbei, hörten einen Moment einer österreichischen Militärmusik zu und erreichten das Museumsviertel.

Wien, Hofburg

Letztes Mal als wir hier waren, waren sämtliche Sessel vor den Museen mit Menschen belegt. Lebendig und luftig. Nun, heute tanzten die Regentropfen auf den blauen und gelben Sessel herum. Wir entschlossen und für einen Museumspass und so besuchten wir heute das Leopoldmuseum und das Architekturzentrum. Zwei unterschiedliche Museen und beide faszinierte uns. Jetzt haben wir noch zwei Museen, die wir besichtigen können – dies dürfte in den nächsten Tagen nicht schwer sein, denn das Wetter soll so bleiben wie heute. Ok, ok – ist ja auch kein Problem. Riesenrad haben wir gestern abgehakt, durch den Park sind wir auch marschiert, sodass wir uns gerne in den Museen aufhalten. Der Zentralfriedhof wird ein weiteres Ziel sein.

Wien, Museumsviertel

Selbstverständlich haben wir einen weiteren Tipp von Marie-Luise befolgt und haben uns im „Zum schwarzen Kaamel“ gestärkt. Ein spezielles Kaffee. Die Süssigkeiten waren lecker und so süss, dass ich mit drei kleinen Patisseriestücken den Eindruck hatte eine ganze Schwarzwäldertorte gegessen zu haben. Jedenfalls ein Supertipp gewesen.

Wien, beim Fasslwirt

Tja und dann hatten wir noch den Abend vor uns. Eine Cousine von mir, die vor rund 33 Jahren mit Sack und Pack aus dem Glarnerland - der Liebe wegen - nach Wien gezogen ist, führt zusammen mit ihrem Mann Alfons das Restaurant Fasslwirt. Ich war gespannt, wie das Treffen, der Abend sein würde. Ich hatte keine Ahnung von ihrem Leben und sie von meinem nicht. Es müssten ungefähr 40 Jahre her sein, als wir uns das letzte Mal begegnet sind.

So fuhren wir den mit U-Bahn und Strassenbahn in den 10. Bezirk an die Favoritenstrasse 235. Wir wurden herzlich empfangen. Und gegessen haben wir reichlich und gut. Es war ein lustiger Abend, wir haben viel gelacht und nicht wirklich viel über unsere Familiengeschichten ausgetauscht.

Jedenfalls hatte ich den Eindruck, dass ich Anita erst kürzlich getroffen hatte. Und irgendwie gehört Anita zu meiner Vergangenheit aber auch zu meiner Zukunft. Alfons  hat uns ein leckeres Essen zubereitet. Dominik ihr Sohn und dessen Freundin Passy waren ebenso hervorragende Gastgeber und Unterhalter und Anita, wann immer sie Zeit hatte, setzte sich an unseren Tisch. Der Glarnerabend war perfekt, war doch der Bruder von Anita, der Hansruedi via Facebook ebenfalls an unserem Tisch ;-)

Zentralfriedhof,  31.8.2014

Es wird sowieso regnen, sagten wir uns, und blieben so lange wie nur möglich liegen, ohne natürlich das Frühstück zu verpassen. Doch entgegen allen Wetterprognosen war es heute recht sonnig, zwischendurch bewölkt. Somit stand der Zentralfriedhof auf der Pendenzenliste, die und Marie-Luise und Wolfgang uns mit auf den Weg gegeben hatten – Ziffer 230.

Wien, Zentralfriedhof

Die Strassenbahn der 71er Linie brachte uns den weiten Weg hinaus zum Zentralfriedhof, der 300 000 Jenseitigen die letze Ruhestätte bietet. Nicht dass Rosmarie am letzten Tag vor ihrem Geburtstag sich mal umschauen wollte, wie es so ist nach 60, nein, wir sind bei jedem Besuch überrascht, wie unterschiedlich Menschen mit der Selbstdarstellung nach dem Tod umgehen. Vom berührenden Kindergrab, mit Spielsachen und Plüschtierchen überhäuft, vom Laternenturm für Babys, die kaum ein paar Atemzüge tun durften über bombastische Trutzburgen aus Marmor, die jedem Wind und Wetter widerstehen bis hin zu verfallenen, verlassen Grabstätten, unter dichten Efeuranken dem Vergessen geweiht. Ob reich und prominent, ob Künstler oder Politiker, ob Malermeister, alle liegen hier und winken unsichtbar den Vorbeiflanierenden zu. Im alten jüdischen Friedhof gewinnt Ewigkeit eine weitere Dimension: Nichts vergeht hier. Gräber sind verlassen, vergessen, die Grabsteine schief oder umgekippt. Kein Grab wird aufgehoben. Wie stumme Schemen stehen die vergessenen Steine, versteckt unter Efeu in einem dichten Wald.

Wien, Zentralfriedhof

Ein eisiger Wind blies durch die Grabreihen und wir suchten bald einmal unseren Weg zurück ins Leben, in die Strassenbahn, die uns zurück ins Zentrum führen würde.

Wien

Am Schwarzenbergeplatz streckte ein Wildfremder Rosmarie hilfesuchend sein Handy entgegen. Im Laufe eines etwas seltsamen Dialoges auf Hoch- und Schweizerdeutsch, sowie ungarokroatkasachstanisch stellte sich heraus, dass die Gattin des Ärmsten am Prater stand und Rosmarie energisch anflehte, ihrem Mann zu erklären, wie er dort hinkomme. Nun, wie soll ich sagen, unsere Kenntnisse der Tramliniennummern sind begrenzt – und links und rechts kann unmöglich gestimmt haben. Wir hoffen, dass sich die beiden wiedergefunden haben.

Wir flohen ins Kaffeehaus Schwarzenberg (Tipp 231) und vertieften uns in einen Apfelstrudel und eine Melange. Auf den letzten Schritten ins Hotel brach endlich das Gewitter aus und so konnte ich meine schicke Regenpelerine anziehen, die aus dem Disneyland, mit der riesigen Mickey-Mouse auf dem Rücken. Und so endete der Tag doch noch mit einem Lächeln.

Und eigentlich wollten wir noch etwas Essen gehen, doch wieder verkrochen wir uns unter der Bettdecke, sodass sich Rosmarie entschied, das Abendessen gleich um die Ecke beim Chinesen zu besorgen. So assen wir den die Leckerein im Hotelzimmer und hörten dem Regen zu, der wiederum auf das Dach prasselte. Passt zu diesem nachdenklichen und schönen Tag.

Fast hätte es nicht geregnet, 2.9.2014

Wir sind wegen einer ungewöhnlichen Ruhe erwacht – für einmal klopften keine Regentropfen auf das Metalldach unseren Hotelzimmers, keine Regenfluten liefen über die Fensterscheiben. Eine kleine Hoffnung keimte auf, für einmal die Pelerinen, Regenjacken, Regenhüte und –Schuhe trocknen zu lassen – das Badezimmer sieht aus wie eine Waschküche am Waschtag.

Wien, Mariahilf

Doch kaum standen wir unternehmungslustig vor dem Hotel setzte feiner Dauerregen ein, der uns bis in die späten Abendstunden begleiten sollte. Im Sprung tauchten wir in die U-Bahnstation ein, liessen uns in wohliger Wärme und Trockenheit an den Westbahnhof tragen, um von dort aus die andere Strassenseite – die wir gestern ausgelassen hatten – zu erkunden. Um es kurz zu machen: Es regnete auf der rechten Seite nicht weniger als gestern auf der Linken. Ich fühlte mich einfach nicht recht im Strumpf, um triefend nass eine Buchhandlung zu besuchen. Und Unterwassersportgeschäfte waren dünn gesät, obwohl ich das nicht ganz verstehe.

So ergaben wir uns bald einmal ins Schicksal, das für uns wohl ein Weiterleben als Enteli vorgesehen hatte. Immerhin entdeckten wir wirklich romantische Stiegen und Nebengässchen mit kleinen und kleinsten Läden und Beizen, darunter die „KuK Bierkanzlei“ und den geschupften Ferdel.

Einmal links abbiegen und wir standen mitten im Museumsquartier, wo wir die zwei letzten Tickets eher der Trockenheit und Wärme wegen als der modernen Kunst opferten.

Nach dem Nachtessen wanderten wir etwas durch den Nachtregen, hochromantisch, wer es denn mag. Endlich war auch Frau Bernasconi genügend gewässert und wir flüchteten in den Westbahnhof. Dort hat unser ex Geburtstagskind noch etwas Zeit, das angeschlossene Shopping-Center zu leeren und damit einen Güterwagen zu füllen, den sie uns zuliebe an den Zug nach Hause anhängen werden.